A12: Der Goldschatz von Erstfeld: Neuer Ansatz
Bislang wurde der frühkeltische Goldschatz von Erstfeld des 4. Jh. v. Chr. als Weihefund in Zusammenhang mit der Begehung des Gotthardpasses gedeutet. Weil diese Annahme einem neuen Faktencheck nicht standhält, wird ein anderer Ansatz vorgeschlagen: Die Opferung fand deshalb an jener Stelle statt, weil dort der Bergbach Reuss durch die Klus von Erstfeld die wilde Bergwelt verlässt und von dort an als Fluss breit in den flachen, vom Vierwaldstättersee her zugänglichen flachen Talgrund mäandert.
Die Reuss ist das Gewässer, das einen guten Teil des Schweizer Mittellandes durchfliesst und fruchtbar macht. Damit wird ein direkter Bezug des Hortfundes zu den Kelten des Mittellandes hergestellt, die nach den Forschungen Martin Guggisbergs für die Herstellung und Opferung der wertvollen Goldringe verantwortlich waren.
Im Rahmen dieses neuen Ansatzes wird der Goldfund von Erstfeld als eine Art Quell- oder Gewässerhort im weiteren Sinne verstanden, eine alte Tradition früher Kelten. Im Rahmen der neuen Deutung stellt sich die Anschlussfrage nach Bezügen zu den Themen Fluss und Fruchtbarkeit. Diese vereinigte der Fluss- und Wassergott Acheloos (Ἀχελῷος) in sich, eine heute weniger bekannte antike, aber besonders während des 5. und 4. Jh. v. Chr. im mediterran-griechischen und im etruskischen Kulturraum vielfach verehrte Gottheit. Das belegen zahlreiche Funde aus Grabanlagen. Neuerdings gibt es sogar Beispiele von Acheloos-Darstellungen aus dem frühkeltischen Raum. Acheloos’ Attribute waren ein menschliches Gesicht mit langem Bart als Symbol des Wassers, kleine Ohren und Hörner sowie ein Stierkörper, der sich zur Schlange wandeln konnte. Vor diesem Hintergrund werden die auf dem Erstfelder Petschaftshalsring sichtbaren, stierähnlichen Masken als Masken des Acheloos vorgeschlagen (Bild rechts).
Acheloos galt auch als Sinnbild des reinen Wassers, wie es für das Mischen von Wein beim Symposion verwendet wurde, genannt Acheloon. In frühen keltischen Fürstengräbern wurden entsprechende, mit Acheloos-Masken verzierte Gefässe gefunden. Sie belegen die Bekanntheit dieser Gotteit bei der keltischen Elite. Zum Schluss werden die drei Erstfelder Halsringe mit Bildfriesen (unteres Bild) mit Neufunden von goldenen Halsringen verglichen. Resultat: Die Figurenfriese gipfeln in den zentralen Kolben, sie sind die relevanten Symbole. Frage im Sinne einer Hypothese: Zeigen die ineinander verschlungenen Gestalten Stationen eines damals bekannten Epos über einen Helden oder eine Gottheit?



